Landtmann bei Nacht - Opening
Eine zweite Schicht im denkmalgeschützten Raum
Es gibt Räume, die man zu kennen glaubt. Das berühmte "Café Landtmann" in Wien ist so ein Raum – seit 1873 eine Institution am Ring, zwischen Burgtheater und Universität, für die meisten Wienerinnen und Wiener ein bekannter Ort, geprägt vom Tagesbetrieb.
Genau hier setzte die Betreiberfamilie an: mit der Frage, wie sich die Nutzung am Abend neu denken lässt.
Berndt Querfeld formulierte es zur Eröffnung offen: Die Gäste am Abend wurden weniger. Die entscheidende Frage war also nicht ob, sondern wie sich das Café transformieren kann – ohne seinen Charakter zu verlieren. Wie verändert man die Atmosphäre eines denkmalgeschützten Saals, ohne ihn baulich anzutasten?
Eine Deckenmalerei, die bei Nacht erscheint
Die Antwort heißt Café Landtmann bei Nacht. Das Konzept: Tagsüber bleibt der Saal, was er ist -klassisch, ruhig, historisch. Ab 18 Uhr beginnt eine zweite Ebene. Der historische Saal wurde mit 4K-UHD-Laserprojektoren ausgestattet, die bewegte Bilder im Art-Déco-Stil an die Decke projizieren und die Atmosphäre im Raum verändern. Keine Eingriffe in die Substanz. Eine Deckengestaltung, die nur dann zum Vorschein tritt, wenn die Dunkelheit anbricht.
Der Künstler und Bühnenbildner Christof Cremer setzte sich intensiv mit der historischen Gestaltung des Saals auseinander – insbesondere mit jener Phase zwischen Jugendstil und Art Déco, in der der Raum ursprünglich entworfen wurde. Auf dieser Grundlage entstand gemeinsam mit einem Motion-Graphics-Studio ein visuelles System:3,6 Terabyte an Material für eine rund 25 Meter lange Decke. Was bedeutet das? Wer einmal kommt, sieht eine Version der Deckeninszenierung. Wer dreimal kommt, erlebt eine andere Version.
Konzept nach Maß & Unsichtbare Technik
Die technische Aufgabe für uns als Innenarchitekturbüro mit Fokus auf Hospitality lag in der präzisen Integration der Technik in den Bestand: 130 Quadratmeter Decke bespielen – ohne die Technik sichtbar zu machen. Aus ursprünglich zwölf geplanten Projektoren wurden vier.
Versteckt in maßgefertigten Gehäusen, mit rund 2,5 Kilometern unsichtbar verlegter Verkabelung.
Die Holzgehäuse, die die Beamer in der Wandverkleidung verschwinden lassen, wurden von unserer hauseigenen Tischlerei angefertigt — passgenau auf die bestehende Vertäfelung abgestimmt, in derselben Materialsprache. Ergänzt wurde dies durch ein indirektes Lichtkonzept, das den Raum am Abend trägt, ohne mit der Projektion zu konkurrieren. Dazu kamen minimale, gezielte Anpassungen an der Verkleidung selbst – Eingriffe, die bewusst im Hintergrund bleiben.
Warum das mehr ist als ein Effekt
Projektionen in der Gastronomie sind kein neues Thema. Viele davon setzen jedoch auf kurzfristige Effekte – und verlieren mit der Zeit an Qualität. Was dieses Projekt unterscheidet, ist der Umgang mit dem Bestand: Die gesamte Inszenierung ist reversibel. Schaltet man die Projektoren aus, ist der denkmalgeschützte Saal vollständig erhalten, als wäre nie Veränderung passiert.
Das Projekt „Café Landtmann bei Nacht“ zeigt, wie zeitgenössische Innenarchitektur in der Gastronomie auch im denkmalgeschützten Kontext funktionieren kann – durch präzise Eingriffe, technische Integration und ein sensibles Verständnis für den Bestand.
Oder anders gesagt: Wie sich ein Raum verändern kann, ohne ein anderer zu werden.