China Insight Tour 2026
Neue Impulse für Hospitality Design und Gastronomieplanung
Gastbeitrag von Bernhard Hiehs
Jeder glaubt, China zu kennen.
Ein Land der Massenproduktion. Billig. Laut. Smog. Kopien statt Innovation.
Auch ich hatte dieses Bild im Kopf – obwohl ich bereits vor rund 20 Jahren mehrere Monate beruflich in China verbringen durfte. Damals arbeitete ich als Praktikant bei einer Kongressorganisation und erlebte ein Land, das sich im rasanten Wandel befand. Zwei Jahrzehnte später durfte ich erneut zurückkehren.
Und schon nach den ersten Tagen wurde mir klar: Das China von heute hat mit meinen Erinnerungen nur noch wenig gemeinsam. Nicht nur, weil sich das Land verändert hat. Sondern auch, weil wir in Europa oft glauben zu wissen, wie China ist – ohne es selbst erlebt zu haben.
Wir diskutieren über China. Über Wirtschaft, Politik, Technologie oder den Wettbewerb mit Europa. Doch wie viele von uns waren tatsächlich vor Ort, haben Produktionsstätten besucht, mit Unternehmern, Architekt:innen oder Herstellern gesprochen und sich angesehen, was dort gerade entsteht?
Genau deshalb wollten wir als Derenko diese Reise antreten. Nicht, um bestehende Meinungen zu bestätigen, sondern um unser eigenes Bild zu gewinnen.
Der konkrete Anlass unserer China Insight Tour war die Entwicklung eines neuen asiatischen Gastronomiekonzepts in Österreich. Als Innenarchitekturbüro für Hospitality Design wollten wir aktuelle Entwicklungen nicht aus Büchern oder Social Media kennenlernen, sondern dort erleben, wo sie entstehen. Mit Produzenten und Architekt:innen sprechen und verstehen, welche Entwicklungen die Branche heute prägen.
Ein Blick in die Zukunft
Wer durch Shenzhen oder Guangzhou geht, hat stellenweise das Gefühl, einige Jahre in die Zukunft zu reisen. Gebäude entstehen in einer Geschwindigkeit, die wir in Europa kaum kennen. Moderne Infrastruktur trifft auf weitläufige Parks, hervorragend gepflegte öffentliche Räume, beeindruckende Hotels und Shopping Malls sowie Architektur, die vielerorts international Maßstäbe setzt.
Natürlich ist China riesig und unglaublich vielfältig. Ländliche Regionen bewahren nach wie vor ihre kulturellen Wurzeln und ihren ganz eigenen Charakter. Doch die großen Metropolen zeigen eindrucksvoll, mit welcher Dynamik sich das Land entwickelt.
Hier realisieren renommierte Architekturbüros wie Foster + Partners, Zaha Hadid Architects, OMA oder Kohn Pedersen Fox Projekte, die oft mutiger gedacht und umgesetzt werden als vieles, was wir in Europa genehmigt bekommen würden.
Nicht spektakulär, um spektakulär zu sein. Sondern weil Visionen hier tatsächlich gebaut werden.
Gestaltung ist längst Teil der Kultur
Besonders überrascht hat mich jedoch nicht die Größe der Gebäude. Es war der Stellenwert von Gestaltung. Materialien werden selbstverständlich miteinander kombiniert. Licht, Proportionen und Details werden mit großer Sorgfalt geplant. Viele Hotels, Restaurants und Shopping Malls überzeugen nicht nur durch ihre Größe oder Exklusivität, sondern vor allem durch ihre gestalterische Qualität.
Noch immer hält sich in Europa das Bild, China sei vor allem die Werkbank der Welt. Vor Ort haben wir vielerorts etwas anderes erlebt. Unternehmen investieren massiv in Design, Forschung und Entwicklung. Sie entwickeln eigene Lösungen, setzen Trends und verbinden Technologie mit Gestaltung auf beeindruckende Weise.
Es wäre ein Irrglaube zu glauben, Europa sei automatisch in allen Bereichen Vorreiter. Gerade im Interior Design, in der Materialvielfalt, in der technischen Umsetzung und in der Geschwindigkeit, mit der Ideen Realität werden, können wir von China einiges lernen.
Qualität beginnt beim richtigen Partner
Ein wesentlicher Schwerpunkt unserer Reise war der Besuch unterschiedlichster Produktionsstätten – von hochwertigen Interior-Lösungen bis hin zu Spezialanfertigungen für internationale Hotelprojekte.
Auch hier wurden einige Vorurteile relativiert. Ja, es gibt günstige Produktionen. Ja, es gibt erhebliche Qualitätsunterschiede. Doch genau deshalb ist die Wahl des richtigen Partners entscheidend.
Viele der Betriebe, die wir besuchen durften, produzieren heute für internationale Luxusmarken wie Shangri-La, Ritz-Carlton oder andere renommierte Hotelgruppen. Gearbeitet wird mit einem Qualitätsanspruch, der internationalen Standards mehr als gerecht wird. China ist längst nicht mehr das Billiglohnland vergangener Jahrzehnte. Auch hier ist eine starke Mittelschicht entstanden. Löhne und Preise sind deutlich gestiegen. Qualität kostet auch in China Geld. Was jedoch besonders spürbar ist: Der Anspruch an Gestaltung, Präzision und Qualität ist in vielen Bereichen selbstverständlich geworden.
Zwischen Tradition und Zukunft
Natürlich gibt es sie noch. Die engen Gassen. Die kleinen Straßenküchen. Das geschäftige, lebendige und manchmal chaotische China, das viele aus Erzählungen kennen. Und genau dieser Kontrast macht das Land so faszinierend. Zwischen futuristischen Skylines und jahrhundertealten Stadtvierteln entsteht eine Spannung, die man kaum beschreiben kann. Öffentliche Räume werden intensiv genutzt, Städte wirken überraschend grün, sauber und gepflegt, während das Leben an jeder Ecke pulsiert. Diese Gegensätze machen China einzigartig.
Unser wichtigstes Learning
Diese Reise hat uns vor allem eines gezeigt:
Nicht alles, was wir über China zu wissen glauben, entspricht der Realität. Gerade als Planer, Designer und Unternehmer wäre es fahrlässig, Entwicklungen ausschließlich aus der Distanz zu beurteilen. Wer gute Räume gestalten möchte, sollte nicht nur über neue Entwicklungen lesen. Er sollte sie erleben.
Deshalb verlassen wir uns bei Derenko nicht auf Kataloge, Bilder oder Erzählungen. Wir reisen dorthin, wo Innovation entsteht. Wir sprechen mit Produzenten, Architekt:innen und Unternehmern. Wir nehmen Materialien in die Hand, besuchen Fertigungsstätten und hinterfragen Trends, bevor wir sie in unsere Projekte einfließen lassen.
Denn gute Planung beginnt nicht am Schreibtisch. Sie beginnt mit Neugier. Mit offenen Augen. Und manchmal auch mit dem Mut, das eigene Weltbild zu hinterfragen.
Viele reden über China. Wir wollten es selbst erleben. Nicht, um auf alles eine Antwort zu finden. Sondern um bessere Fragen stellen zu können. Denn genau dort beginnt für uns gute Planung.